Mit dem „Digitalen Brustbeutel“ stellen wir einen weiteren Prototypen im Projekt DIANA-T vor. Die Anwendung ermöglicht Gästen, ihre persönlichen und touristisch relevanten Daten sicher in einer App zu verwalten und gezielt mit Anbietern zu teilen – datensouverän, kontrolliert und entlang der gesamten Customer Journey.
Ziel ist es, wiederholte Dateneingaben zu vermeiden, administrative Prozesse zu vereinfachen und gleichzeitig höchste Datenschutzstandards einzuhalten. Gäste behalten jederzeit die Hoheit über ihre Informationen und entscheiden selbst, welche Daten sie freigeben. Anbieter profitieren von einer sicheren Identifikation, effizienteren Abläufen und einer besseren Grundlage für individuelle Services.
Der Prototyp zeigt, wie ein touristischer Datenraum praktisch genutzt werden kann: durch selektive Datenfreigabe, standardisierte Schnittstellen und eine sichere technische Infrastruktur. Gemeinsam mit dem Fraunhofer FIT wird untersucht, wie dieser Ansatz praxistauglich in bestehende Systeme integriert werden kann – insbesondere mit Blick auf interoperable Lösungen für kleine und mittlere Unternehmen.
Im Interview erläutern Klaus Schön, Ralf Vogel und Jochen Göltenboth, wie der Digitale Brustbeutel funktioniert, welche Rolle Datensouveränität spielt und welche Chancen sich für Gäste und Anbieter ergeben.
1. Was genau ist die Idee hinter dem „Digitalen Brustbeutel“ und welches Problem möchtet ihr damit im touristischen Alltag lösen?
Die Grundidee ist eine digitale Verwaltung aller persönlichen und touristisch relevanten Daten in einer App mit der Möglichkeit, diese mit touristischen Anbietern zu teilen. Diese Daten werden lokal gespeichert und via Datenraum, der den höchsten Datenschutzstandards entspricht und dem Gast die volle Kontrolle über seine Informationen gibt, ausgetauscht. Damit entfällt die wiederholte Eingabe derselben Daten bei unterschiedlichen Dienstleistern entlang der Customer Journey. Fehlerquellen werden reduziert, und gleichzeitig kann sich der Dienstleister sicher authentifizieren.
2. Wie sieht der konkrete Nutzen für Gäste und Anbieter aus z. B. beim Check-in oder individuellen Angeboten?
Für den Gast bedeutet der Digitale Brustbeutel in erster Linie mehr Komfort und Zeitersparnis. Es ist nicht mehr nötig, die gleichen Informationen immer wieder in unterschiedlichste Formulare einzutragen oder mitzuteilen. Das gilt auch für zusätzliche Wünsche und ggf. Einschränkungen. Als Gast habe ich alle relevanten Informationen immer griffbereit und entscheide selbst, welche Informationen ich dem Leistungsträger zur Verfügung stelle. Auch für Anbieter hat das System große Vorteile: Sie können den Gast sicher identifizieren, erhalten ein besseres Verständnis seiner Wünsche und sparen selbst Zeit bei administrativen Prozessen. So können dem Gast auch schnell individuell passende Angebote unterbreitet werden, was die Gästezufriedenheit steigert und den Umsatz für zusätzliche Leistungen erhöht. Am Ende profitieren beide Seiten von einer besseren Datenbasis und einer individuelleren Betreuung.
3. Welche Rolle spielt Datensouveränität im Konzept und wie entscheidet der Gast, was geteilt wird?
Datensouveränität ist einer der wichtigsten Aspekte unseres Ansatzes. Der Gast entscheidet selbst, welche Informationen er freigeben möchte und zu welchem Zweck. Verpflichtende Authentifizierungsdaten – etwa zur Identifizierung – werden sicher lokal gespeichert. Sie bleiben aber in der Hoheit des Gastes. Er allein bestimmt, wann und an wen diese Daten weitergegeben werden.
4. Welche technischen oder datenschutzbezogenen Fragen sind aktuell besonders relevant in der Erprobungsphase?
Derzeit beschäftigen wir uns intensiv mit Fragen zur Erstellung und Verwaltung von Nutzerprofilen, zur gezielten Auswahl relevanter Daten und zur Vermeidung unnötiger Datensammlungen.Ein wichtiger Punkt ist die klare Trennung zwischen Muss- und Kann-Daten. Außerdem müssen alle datenschutzrechtlichen Vorgaben transparent erklärt werden – insbesondere der Zweck der Datenverarbeitung. Technisch gesehen geht es um eine sichere Datenübertragung über sogenannte Connectoren, die den Austausch zwischen verschiedenen Systemen ermöglichen. Bei der Schaffung dieses Datenraums unterstützt uns das Fraunhofer-Institut tatkräftig mit zukunftsweisender Technologie und Know-how.
5. Wie funktioniert die selektive Freigabe von Daten entlang der Customer Journey und was wird gerade mit dem Fraunhofer FIT abgestimmt?Das ist tatsächlich einer der spannendsten Punkte. Grundsätzlich soll der Gast selbst entscheiden, welche Daten er entlang seiner Reise freigibt. Gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut prüfen wir, wie dieser Datenaustausch technisch umgesetzt werden kann. Dabei wird unter anderem untersucht, inwiefern die Datenraumtechnologie echten Mehrwert bietet oder eher Hürden darstellt. Zentral ist auch die Frage, wer die „Schlüssel“ zur Datenfreigabe verwaltet und welche Systeme die Daten tatsächlich verarbeiten dürfen. Hierbei kommt eine am Fraunhofer FIT entwickelte Weiterentwicklung des Datenraum-Konzepts zum Einsatz.
Ziel ist es, dass Anbieter nur auf die für sie relevanten Informationen zugreifen können – immer mit Zustimmung des Gastes.
6. Was ist für euch der entscheidende Unterschied zwischen einem klassischen Meldeprozess und eurem Konzept?
Beim klassischen Meldeprozess müssen Gäste vor Ort jedes Mal auf`s Neue die gleichen Daten in Formulare eintragen. Mit dem Digitalen Brustbeutel haben sie diese Daten bereits in ihrer App hinterlegt und müssen sie dann nur noch auf Anfrage des Gastgebers freigeben. Darüber hinaus können auch zusätzliche Informationen, beispielsweise zu gesundheitlichen Einschränkungen, besonderen Vorlieben oder Wünschen bezüglich der Serviceangebote, direkt übertragen werden. Das spart Zeit, reduziert Fehler bei der Dateneingabe der Hoteliers und ermöglicht eine möglichst individuelle Betreuung der Gäste.
7. Wie könnten bestehende Systeme (z. B. Gästekarten oder Buchungsplattformen) angebunden werden?
Neben der technischen Herausforderung geht es in erster Linie darum, den Brustbeutel am Markt bekannt zu machen und so die unterschiedlichsten Systemanbieter und Leistungsträger mit ins Boot zu holen. Ziel ist eine Anbindung über standardisierte Schnittstellen (APIs) und einen klar geregelten sicheren Datenaustausch. Damit soll sichergestellt werden, dass alle Systeme miteinander kommunizieren können – ohne zusätzliche Datensilos zu schaffen.
8. Welche Bedeutung hat der Prototyp im Kontext des DIANA-T-Projekts gerade mit Blick auf interoperable Lösungen für KMUs
Für uns ist der Prototyp ein wichtiger Schritt, um uns der Praxis und Alltagstauglichkeit anzunähern. Wir prüfen dabei, wie gut ein Datenraum im touristischen Umfeld tatsächlich funktioniert und wo noch Anpassungsbedarf besteht – sowohl im B2B- als auch im B2C-Bereich. Der Bedarf an praxistauglichen, interoperablen Lösungen ist eindeutig hoch. Gleichzeitig zeigt sich, dass die Integration in die Datenraum Strukturen noch nicht überall gelingt. Gerade für KMUs ist es wichtig, dass solche Systeme einfach nutzbar und wirtschaftlich umsetzbar sind.
